Donnerstag, 2. Dezember 2010

Was ist Derealisation?


DR/DP wird als Zustand beschrieben, in dem man seine Umwelt (Derealisation) oder sich selbst (Depersonalisation) als unwirklich erlebt. Betroffene beschreiben, wie sie ihre gewohnte Umgebung als fremd wahrnehmen, als sei alles nur ein Traum oder als lebten sie in einem Film. Auch kann die Wahrnehmung von Farben und Formen, sowie Geräuschen verändert sein. Der Betroffene fühlt sich fremd, obwohl er keine Probleme hat, den Ort wieder zu erkennen. Es ist, als hätte sich zwischen ihm und der Umgebung ein irrealer Schleier gelegt, als sähe man alles durch ein Fernrohr oder durch eine Scheibe.
Bei der Depersonalisation fühlt man sich selbst entfremdet und das kann sogar so weit gehen, dass man sein eigenes Spiegelbild nicht wieder erkennt oder den eigenen Körper als nicht zu einem zugehörig empfindet. Auch können die eigenen Gefühle seltsam fremd und fern erscheinen. DR und DP sind in den allermeisten Fällen im Grunde zwei Seiten derselben Medaille.
Es gibt aber Hinweise, dass die Depersonalisation u.U. stärker neuronal bedingt sind, als die Derealisation. D.h. es könnte sein, dass eine gestörte Körperwahrnehmung noch andere Gründe hat und folglich genauer untersucht werden müssten.
Es ist nur logisch, dass ein solcher Zustand massive Ängste auslösen kann.
Die Internationale Klassifikation von Krankheiten (ICD-10) wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO)  heraus gegeben. Darin wird DR/DP abgegrenzt von drogeninduzierten Entfremdungserlebnissen, sowie von psychotischen Zuständen. Von DR/DP kann gesprochen werden, wenn sie nicht auf den Genuss von Alkohol und Rauschmittel zurückzuführen ist und wenn sich der Betroffene bewusst ist, dass etwas nicht stimmt. Man nennt dies Realitätsprüfung. Der Betroffene weiss, dass seine Wahrnehmung und sein Empfinden verändert sind.
DR/DP ist KEIN PSYCHOTISCHER ZUSTAND. In einer Psychose kreiert der Betroffene eine eigene Realität und merkt es nicht. Wer unter DR/DP leidet, ist und bleibt in der Realität und kann weiterhin alle Handlungen ausführen und sogar im Alltag funktionieren. Nur fehlt ihm das dazu gehörende Gefühl. Deshalb erlebt er sich selbst als roboterhaft, als würde er alles nur mechanisch tun und ohne Verbindung zur Aussenwelt. Wenn Menschen mit DR/DP sich dann auch äusserlich zurückziehen, etwa Menschansammlungen oder gewisse Tätigkeiten meiden oder das Haus nicht mehr verlassen, ist das nicht direkt auf die DR/DP zurückzuführen, sondern auf ihre Angst vor diesem Zustand. In der Tat gibt es nichts, was man mit DR/DP nicht tun könnte. Würden wir dem DR/DP-Zustand keine Beachtung schenken und einfach weiter machen wie bisher, würde er sich mit der Zeit sogar verflüchtigen. Aber da wir dazu neigen, uns zu sehr auf diese unangenehme Empfindung zu fokussieren („Bin ich jetzt da oder nicht?“, „Träume ich nur oder bin ich wach?“, „Ist die DR/DP noch da?“), geben wir der DR/DP gewissermassen selber die Nahrung, um weiter bestehen zu bleiben. Die dauernde Selbstbeobachtung führt zu einer negativen Spirale (Stress-DR/DP-Angstgedanken zu DR/DP-mehr Stress-mehr DR/DP). Diese kann aber schneller unterbrochen werden, als man meint.
In der Tat kennen fast alle Menschen irgendwann in ihrem Leben Episoden von DR/DP.  Eine durchwachte Nacht, eine lange Reise mit Zeitunterschied (Jetlag), extreme Müdigkeit, Stress, Schlafstörungen, Alkoholkater, ungewohnte Orte oder Situationen können kurze oder länger andauernde Gefühle von Unwirklichkeit und Fremdheit auslösen. Wenn wir nach dem Urlaub in unsere Wohnung zurück kehren, fühlt sie sich im ersten Moment fremd an, sie sieht vielleicht kleiner oder grösser aus, als wir sie in Erinnerung hatten. Da wir diesen Gefühlen aber keine Bedeutung beimessen, flauen sie bald ab. Wir wissen ja, wir sind vom Urlaub zurück, wir sind müde, sind jetlagged etc. und haben eine Erklärung für unsere veränderte Wahrnehmung. Daran ist nichts Bedrohliches und wir schenken der Sache keine weitere Beachtung. Würden wir uns aber auf unsere Gefühle fixieren, könnten wir leicht in den Teufelskreis geraten, der einer persistierenden DR/DP zugrunde liegt.
Menschen, die unter anhaltender DP/DR leiden, tendieren dazu, sich allzu viele Sorgen zu machen. Manche entwickeln eine hypochondrische Ader und befürchten immer das Schlimmste.  Da tut zunächst einmal saubere Aufklärung not. Obige Diagnose ist wichtig. Sie  besagt nämlich, dass DR/DP KEINE Psychose ist und noch wichtiger: dass sie niemals zu etwas anderem mutiert. DR/DP führt nie zu Psychosen oder zu Schizophrenie.
DR/DP wird oft von katastrophischen Annahmen begleitet. Die Betroffenen fürchten die Kontrolle zu verlieren, ohnmächtig zu werden, kurz vor einem Infarkt zu stehen oder sich einfach aufzulösen. Doch die Wahrheit ist, all dies passiert nicht. Menschen, die über einen längeren Zeitraum mit DR/DP zu kämpfen haben, können dies bestätigen: sie sind niemals ohnmächtig geworden, haben nie die Kontrolle verloren oder ähnliches. Im schlimmsten Fall haben sie sich in eine Panik hineingesteigert. Paradoxerweise verunmöglicht es aber genau die Panik, dass das Befürchtete eintritt: während einer Panikattacke erhöht sich der Puls und der Herzschlag, Adrenalin wird ausgeschüttet und der Körper wird auf eine „Kampf-oder-Flucht-Reaktion“  vorbereitet. Das ist das genaue Gegenteil von Ohnmacht und Kontrollverlust.  Würden wir in einer solchen Attacke tatsächlich davon rennen oder mit jemandem kämpfen, würde sich die aufgestaute Energie entladen und die Stresshormone Adrenalin und Cortisol abgebaut werden. Da aber die befürchtete Gefahr nicht eintritt und wir weder flüchten noch kämpfen können, müssen wir andere Strategien finden, um den Stress in solchen Situationen abzubauen.

Was aber genau ist DR/DP? Wodurch wird sie verursacht?
Die Antwort mag überraschen: DR/DP ist nichts anderes als eine Schutzfunktion unseres Geistes. Es ist deshalb nicht ganz glücklich, wenn sie auf der ICD-10 Liste als Krankheit figuriert. Denn eigentlich kann nicht von einer Krankheit gesprochen werden. Vielmehr ist es so, dass ein Schutzmechanismus, der in der Natur nur für eine begrenzte Zeit vorgesehen ist, in gewissen Fällen weiter bestehen bleibt und dies von den Betroffenen als unangenehm oder sogar als Furcht erregend empfunden wird. Es ist unsere Reaktion auf diese aussergewöhnliche Gehirnfunktion, die unter bestimmten Bedingungen ein problematisches Muster erzeugt.
Forscher sprechen im Zusammenhang mit DR/DP von dissoziativem oder prädissoziativem Verhalten. Wenn etwa das Gehirn in einer Stress- oder Gefahrensituation von Reizen und Gefühlen überflutet wird, kann es sein, dass der Geist gleichsam umschaltet und dem Gehirn sagt: Das ist gar nicht wirklich. Damit schützt er den Betroffenen vor allzu intrusiven Gefühlen und stellt sicher, dass der Organismus weiter funktioniert.
Ein Autofahrer gerät ins Schleudern und noch während er den Wagen zu manövrieren versucht, um nicht mit einem entgegenkommenden Auto zu kollidieren, sieht er sich plötzlich wie von aussen. Es ist ihm, als sei er aus seinem Körper heraus getreten und würde sich selber dabei beobachten, wie er den Wagen unter Kontrolle zu bringen versucht. Dabei hat er gar keine Gefühlsregung und führt die Bewegungen wie ferngesteuert aus.
Eine derart starke Depersonalisationserfahrung stellt sicher, dass der Autolenker handlungsfähig bleibt und nicht in Angst erstarrt. Der Geist stellt gewissermassen auf „automatisch“ um.  Dasselbe berichten z.B. Überlebende von Flugzeugabstürzen. Sie erleben den Absturz und die Minuten danach wie in einem Traum, in dem sie automatisch aus dem brennenden Wrack rennen. Die DR/DP schützte sie davor, im Schock zu erstarren und so Opfer der Flammen zu werden. Indem das Gehirn auf „unwirklich“ stellt, dämpft er die schrecklichen Gefühle, die einen paralysieren würden und sichern so das Überleben.
Im Normalfall klingen die Gefühle der Unwirklichkeit nach einigen Minuten oder Stunden von allein wieder ab.
Das Erleben von DR/DP sind auch von Folter- oder Vergewaltigungsopfern bekannt. Die DR/DP schützt sie vor dem allzu schrecklichen und schmerzhaften Erleben. DR/DP können bei jeder Art von Gefahren und erst recht bei Traumata hervorgerufen werden. 
Dabei werden die Gefühle gedämpft, die Fähigkeit zu rationalem Handeln bleibt hingegen bestehen.
Forscher haben diesen Zustand mit bildgebenden Verfahren hirnphysiologisch abbilden können. Im Zustand der DR/DP ist das limbische System (Hirnbereich der Gefühle) wenig aktiv, der Neokortex (rationale Verarbeitung und Handlungssteuerung) hingegen läuft auf Hochtouren. Dies gibt just das Erleben im Zustand der Unwirklichkeit wieder: man weiss, man ist da und was zu tun ist, aber man spürt keine Verbindung. Die Gefühle sind gedämpft oder fern.

Wieso bleibt DR/DP bestehen, wo doch die Gefahr vorbei ist?
Im Wesentlichen also ist die DR/DP ein Schutz vor bedrohlichen Gefühlen und Situationen.
Obwohl diese Schutzfunktion des Gehirns nur für die Dauer des traumatischen Ereignisses Sinn macht (und eine kurze Zeit danach), kann es doch geschehen, dass DR/DP länger andauert.
Viktro Frankl beschreibt in seinem Erlebnisbericht „Trotzdem Ja zum Leben sagen“…wie die KZ-Häftlinge, nachdem sie befreit wurden, ihre neu gewonnene Freiheit als unwirkllich, irreal und traumähnlich erlebten. Die traumatische Erfahrung im Konzentrationslager konnte nur mit einem dissoziativen Verhalten ertragen werden und dieses setzte sich noch einige Zeit fort, obwohl die Bedrohung nicht mehr bestand.
Anhaltende DR/DP basiert auf einem Zirkel aus Erleben, Gedanken und Gefühlen, die sich gegenseitig beeinflussen. Was wir denken, hinterlässt einen Eindruck auf unseren Gefühlshaushalt, dieser wiederum beeinflusst unsere Gedanken und unsere Handlungsziele.
DP/DR kann plötzlich oder allmählich einsetzen. In beiden Fällen aber wird sie durch diesen Zirkel aus Angst, Selbstbeobachtung, dadurch noch grösserer Angst etc. verstärkt und am Leben gehalten. Lang anhaltende oder chronische DP/DR gleicht einem Teufelskreis.
Der ursprüngliche Auslöser mag ein traumatisches Ereignis, eine bedrohliche Situation oder ein innerer Konflikt sein. Dabei werden im Körper die Stresshormone Adrenalin und Cortisol freigesetzt. Setzt dann eine DR/DP-Episode ein, können wir diesen Zustand als vorübergehend einstufen und er flaut von selbst wieder ab. Oder aber wir erschrecken darob, fragen uns, was mit uns los ist oder ob wir verrückt werden und halten so unser Stressniveau hoch. Dieser Dauerstress führt zu noch mehr Angst, diese wiederum zu stärkerem Unwirklichkeitsgefühlen und so weiter. Vor allem zu Beginn einer DR/DP-Episode können sich dann weitere Beschwerden einschleichen. Da der Körper auf Gefahr eingestellt bleibt, wird der Betroffene ruhelos, verliert den Appetit, kann sich nicht mehr konzentrieren, bekundet Mühe, ein- oder durchzuschlafen und vieles mehr.
Schon nach kurzer Zeit sinkt der Serotoninspiegel im Gehirn. Der Neurotransmitter Serotonin ist u.a. für emotionales Wohlbefinden und geistige Ausgeglichenheit zuständig. Der ganze Organismus gerät aus dem Gleichgewicht. Die Gedanken kreisen ständig um das Thema DR/DP. Daraus entwickelt sich eine richtige Angewohnheit, die in obsessivem Gedankenkreisen münden kann. Es ist diese dauernde und übertriebene Selbstbeobachtung, die den Betroffenen im Zustand der DR/DP gefangen hält und ihn geistig und körperlich erschöpft. Diese negative Spirale gilt es anzuhalten und mit der Zeit umzukehren.

Zusammenfassung:

- DR/DP ist keine Krankheit sondern eine Schutzfunktion (wie man darüber denkt, so verhält man sich)
- DR/DP ist fast immer Teil einer anderen Problematik. Eigenständige DR/DP ist kaum plausibel.
- Alle haben schon mal dp erlebt (Alkohol, Übermüdung, Stress, Jet-Lag)
- DR/DP führt NIEMALS zu etwas anderem, Psychose, Schizophrenie etc.
- Die im Zustand von DR/DP erwarteten Katastrophen (Kontrollverlust, Selbstauflösung, Unfälle, Herzinfarkt, Ohnmacht) treten niemals ein.
- DR/DP ist nicht irreversibel, sondern im Gegensatz flexibler, als man meint.

Online Buch "wie durch eine Scheibe"


B.A. Ruch
„…wie durch eine Scheibe“

Ein Selbsthilfebuch bei Derealisation und Unwirklichkeitsgefühlen.
1 Vorwort
2 Einleitung
3 Was ist Derealisation/DP?
4 Phänomene
5 Selbsthilfe:  Rollen wir das Feld von hinten auf.
1. Nicht noch reinstigern – Angst und Panikattacken, loslassen. Weitermachen im Leben,
2. Aktives: Lesen, Hören, Spielen, Sport etc.  
3. Proaktives: den Trigger identifizieren, Intervenieren, den Hügel erklimmen und entspannen.  Achtsamkeitsübung,  Ernährung, Medikation und Therapie.


1. Vorwort
Diese Webseite ist kein Ersatz für eine solide Therapie. Sie ist aus der Sicht eines Betroffenen geschrieben, der diese unangenehme bis zuweilen angsteinflössende Erfahrung gemacht und überwunden hat. Es sei darauf hingewiesen, dass das Lesen von Berichten über Derealisation und Depersonalisation diesen Zustand triggern kann. Ich werde mich bemühen, negative Konnotationen möglichst zu vermeiden. Trotzdem will ich realistisch beschreiben, was ich über diesen Zustand heraus gefunden habe und wie ich ihn schliesslich besiegen konnte.

Es ist erstaunlich, wie viele Menschen davon berichten, dass sie sich selbst gelegentlich, häufig oder manche sogar chronisch in einem Zustand der Unwirklichkeit erleben. Manche klagen über einen benebelten Kopf, andere beschreiben sich selbst als „in Watte gepackt“, erleben alles wie durch einen Filter oder haben den Eindruck, sie seien in einem Film oder in einem Traum. All den Beschreibungen liegt eine verschobene Wahrnehmung der Umgebung und der eigenen Person zugrunde. In der Psychologie ist dieses Phänomen als „Derealisation“ (unwirkliche Wahrnehmung der Umgebung) und als „Depersonalisation“ (unwirkliche Wahrnehmung des eigenen Körpers) seit Jahrzehnten bekannt. Trotzdem sind die Ursachen  nicht sehr weit erforscht. Vor allem hinsichtlich der neurologischen Aspekte und der therapeutischen Möglichkeiten scheint die Forschung noch in den Anfängen zu stecken.
Daher wird jemand, der unter DP/DR leidet, sehr häufig die Erfahrung machen, dass sein Umfeld nicht begreift, wovon er spricht, wenn er seine Symptome zu beschreiben versucht.
Sogar unter Hausärzten ist das Wissen über DP/DR nicht sehr verbreitet. So dass jemand, der zum ersten Mal mit diesem Zustand zum Arzt geht, auf Unverständnis stosst und mit wenig hilfreichen Diagnosen konfrontiert wird.
Die Folge ist, dass er weiterhin nicht weiss, was ihm eigentlich widerfährt und erfolglos nach allen möglichen Ursachen und Diagnosen sucht, was seinen Zustand nur noch schlimmer erscheinen lässt. Das Internet ist in dieser Hinsicht ein zweischneidiges Schwert. Manch einer findet endlich heraus, dass sein Zustand einen Namen hat. Vorher aber hat er womöglich sich die schlimmsten Diagnosen eingeredet, von Morbus Crohn bis zum Hirntumor.
Im Internet  finden sich viele Foren, in denen sich Betroffene austauschen. Leider vermischen sich darin hilfreiche Tipps mit völlig falschen Informationen und negativen Berichten, die den betroffenen Leser eher erschrecken als ermutigen. Positive Berichte scheinen Mangelware zu sein, so dass der falsche Eindruck entstehen kann, man habe es bei DP/DR mit einer fast unüberwindbaren Erkrankung zu tun. Was aber nicht stimmt. Es gibt einen einfachen Grund, weshalb so wenig Erfolgs- und Heilungsgeschichten im DP/DR-Foren zu finden sind: wer diesen Zustand überwunden hat, kehrt ins normale Leben zurück und begibt sich nicht mehr auf diese Webseiten.
Das ist mehr als verständlich und dennoch schade, denn gerade solche, die aus diesem unsäglichen Zustand heraus gefunden haben, könnten anderen ihren „Ausweg“ aufzeigen oder zumindest wertvolle Tipps auf dem Weg zur Heilung geben.
Mit dieser Website will ich genau dies tun. Aus der Sicht eines geheilten Betroffenen all jenen mein Wissen und meine Erfahrung zur Verfügung stellen und sie auf ihrem Weg zur Heilung zu ermutigen. Denn eines ist sicher: DP/DR kann überwunden und geheilt werden und der Betroffene kann sehr viel selbst dazu beitragen.

2. Einleutung
Meine Scheibe
Das erste Mal, das ich eine Derealisation erlebte, war ich ungefähr zwölf. Wir waren im Klassenlager in den Schweizer Bergen und die erste Nacht im Bubenschlag war nicht an Schlafen zu denken. Kissenschlachten, Gespräche und heimlich reingeschmuggelte Radios verunmöglichten jede Ruhe. bis um vier Uhr morgens der entnervte Lehrer ins Zimmer stürmte und schrie: „Alle sofort anziehen!“  Für unseren Lärm wurden wir mit einer Nachtwanderung bestraft. Das Erlebnis hatte etwas Abenteuerliches an sich und als wir um sieben direkt zum Frühstückstisch uns begaben, sättigten wir unsere knurrenden Magen mit Unmengen belegter Brote.  Ich spürte an jenem Morgen, dass etwas sich verändert hatte. Ich erlebte alles wie im Traum. Klar, ich hatte nicht geschlafen. Daher nahm ich an, dass ich nach der nächsten Nacht meinen Schlafmangel nachgeholt haben und ich mich ausgeschlafen und wach fühlen würde. Doch dies war nicht der Fall. Trotz  viel Schlaf (alle gingen freiwillig früh ins Bett) war das seltsame Gefühl am nächsten Tag noch da. Und auch für den Rest des einwöchigen Klassenlagers. Erst am Abschlussabend, wir hatten Musik und durften mit den Mädchen tanzen, vergass ich meinen traumähnlichen Zustand und war wieder „da“.
Als Kind macht man sich noch keine grossen Gedanken über gewisse Erlebnisse und ich nahm an, dass dies mit dem Schlafmangel nach unserer ersten Übernachtung zusammen hing. So also fühlte sich eine „Freinacht“ an. 
Spätere DP/DR-Erfahrungen hingen ebenso mit Schlafmangel oder unterbrochenem Schlafrhythmus zusammen. Als Teenager reiste ich gerne in Europa herum. Nachtzüge, in welchen man kein Auge zudrückt oder Übernachtungen im Auto (um das Hotel zu sparen) hatten hatten meist kürzere Episoden von DP/DR zur Folge.  Einmal im normalen Schlaf- und Lebensrhythmus zurück, verschwanden diese Unwirklichkeitsgefühle wieder.
Dann aber ereilte mich die DP/DR mit einer Wucht, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Ich war Anfang zwanzig, hatte im Leben ein paar wichtige Änderungen vorgenommen, steckte in einer Beziehungs- und sonstigen Krise und wurde nach einer „durchgemachten“ Nacht einfach nicht mehr wach. Und zwar über Monate hinweg. Und diesmal wusste ich, es war nicht nur ein Schlafproblem, sondern da hatte sich irgendetwas in meinem Kopf verschoben. Ich kriegte schreckliche Angst. Meine Wohnung (ich lebte in einer WG) war plötzlich fremd. Ich war mir nie sicher, ob ich mich in der Realität befand oder in einem Traum. Oder eher in einem Albtraum. Die abstrusesten Gedanken kamen hoch. War ich unheilbar krank? Stimmte etwas mit meinem Gehirn nicht? War ich dabei, geisteskrank zu werden?
Waren meine Familienmitglieder echt oder nur erdacht? Steckte ich in einem Traum fest und konnte ich nicht aufwachen? Oder wollte nicht aufwachen, da ich nicht wusste, wo ich mich dann befinden würde?
War ich eventuell gestorben und hatte es nur noch nicht bemerkt? Dies zog sich, wie gesagt, über Monate hinweg. Eigenartigerweise funktionierte ich nach aussen hin völlig normal. Ich arbeitete auf dem Büro, ich spielte in Bands und ich hatte eine Freundin. Nur, ich war mit meinem Problem völlig allein, da niemand verstand, was mit mir los war. Vor allem konnte sich niemand irgendetwas darunter vorstellen, wenn ich meinen Zustand als „Scheibe“ beschrieb. Ich sah alles wie durch eine dicke Scheibe, die mich von der Realität trennte. Ich wusste, ich war da, aber sicher war ich mir doch nicht ganz, denn das dazu gehörende Gefühl war nicht vorhanden. Ich hatte keine Halluzinationen und keine irrealen Erlebnisse, alles sah aus wie normal. Aber es war es nicht.
Einige meiner Musikerfreunde hatten Drogenerfahrung. Sie konnten meinen Zustand noch am ehesten nachvollziehen. Allerdings verstanden sie meine Beunruhigung nicht. Einer meinte einmal: „Mann, andere geben Unsummen Geld dafür aus, diesen Zustand mit Drogen herbeizuführen und du hast ihn gratis und beschwerst dich?“  Ich erkannte das Humorvolle an der Situation, wenn man sie aus seiner Warte betrachtete. Ich aber wollte diesen rauschähnlichen belämmerten Zustand nur loswerden.
Das Internet gab es damals noch nicht. Den Begriff „Derealisation“ hatte ich noch nie gehört und offenbar war er auch meinen Ärzten nicht bekannt.
Es begann eine kleine Odyssee. Der Optiker schickte mich zum Arzt, der zum Augenarzt, der zum Neurologen, der Neurologe in die MRI-Röhre. Allein, mit meinen Augen und meinem Gehirn war organisch gesehen alles in Ordnung. Danach konsultierte ich einen jungschen Psychologen, der mir riet, meine Träume aufzuschreiben (was eine tolle Übung war, aber meine DP/DR nicht linderte) und dann einen Verhaltenstherapeuten, der mir zu einem  regelmässigeren Lebenswandel riet. Tatsächlich setzte etwa eineinhalb Jahre nach dem Einsetzen der  DP/DR allmählich eine Besserung ein. Und dies ganz ohne Medikamente  dank eines regelmässigeren Schlaf-/Wachrhythmus.
Ein Jahr später stellte ich ganz neue berufliche Weichen, holte das Abitur nach und begann mein Studium. Die „Scheibe“ war verschwunden.
In all den Monaten, die mich die DR/DP geplagt und ich alles als unwirklich erlebt hatte, hielt mich ein Gedanke etwas über Wasser.  Wenn nichts real ist, sagte ich mir, dann ist mein Gefühl von Unwirklichkeit auch nicht real. Ich erlebe diese Unwirklichkeit aber wirklich, also bin ich wirklich. Folglich ist alles real, nur –aus irgendeinem Grund- erlebe ich es nicht so.
Dieser Gedankengang brachte immer wieder einige Entlastung. So konnte ich immerhin annehmen, dass mit mir etwas nicht stimmt. Das ist immer noch besser, als wenn die ganze Realität nicht stimmt.
Viele Jahre später, als ich andere Betroffene kennen gelernt hatte, merkte ich, wie verbreitet solche Gedanken und Gefühle sind. Sie sind der Versuch, auf einer rationalen Ebene mit etwas fertig zu werden, das man nicht versteht. Und man versteht es deshalb nicht, weil es zwischen Wissen und Gefühlen eine Diskrepanz entsteht. Man fühlt nicht, das, was man sieht und weiss.
Allerdings machte ich schon früh die Erfahrung, dass die „Scheibe“ nicht immer gleich stark war.
In stressigen Situationen empfand ich es viel stärker, von der Realität abgekoppelt zu sein. In geselliger Runde mit Freunden bei einem Glas Wein konnte die Scheibe hingegen sogar verschwinden. Sich ins Schreiben oder Musizieren zu vertiefen brachte immer eine gewisse Linderung der Symptome. Offensichtlich war die „Scheibe“ innerlich oder äusserlich beeinflussbar. Wie gesagt, sie verschwand nach etwa zwei Jahren ganz.
Aber sie kam wieder. Da war ich bereits im Beruf, unterrichtete und hatte zwei Kinder. Was genau der Auslöser war, kann ich bis heute nicht sagen. Die Scheibe kam schleichend. Die Monate davor waren von Berufs- und Wohnortswechsel geprägt gewesen und ein Todesfall in der Familie hatte mich tief getroffen. Zunächst traten Einschlafstörungen auf, die immer schlimmer wurden. Nach einer Infektion mit Borrelioseverdacht geriet mein Schlaf-Wachrhythmus dann gänzlich durcheinander. Die DR/DP machte sich zunächst nur morgens bemerkbar. Nach einem kräftigen Mittagessen taute ich wieder auf. Die „Scheibe“ weitete sich aber immer stärker aus, bis sie schliesslich chronisch wurde. Ich konnte nur noch wie im Traum funktionieren und da ich diesen Zustand schon von früher gut kannte, überkam mich die Panik: musste ich wieder monate- oder jahrelang in belämmerten Zustand verbringen, nicht sicher, ob ich alles nur träumte?  Diesmal war ich entschlossen, etwas dagegen zu unternehmen und mich diesem Zustand nicht einfach auszuliefern.
Das Paradoxe an der DR/DP ist allerdings, dass sie stärker wird, wenn man sie mit Gewalt loswerden will. Man kann sie nicht frontal bekämpfen, es braucht dafür eine andere Strategie.
Man muss der DR/DP auf mehreren Ebenen begegnen. Dann kann sich erstaunlich schnell eine Linderung der Symptome einstellen und nach einiger Zeit sogar so etwas wie Heilung.
Zunächst dachte, wie wohl jeder, der mit Unwirklichkeitsgefühlen konfrontiert wird, an eine organische Ursache. Das Internet ist für eigene Recherchen immer mit grosser Vorsicht zu geniessen. Wenn man auf Suchmaschinen die Symptome eingibt, kann dabei alles Mögliche heraus kommen. Leicht steigert man sich in etwas hinein und es ist nicht verwunderlich, dass man in den USA den Begriff „Cyberchondrie“ eingeführt hat. So findet man vielleicht einige der eigenen Symptome auf Seiten, die Tumore, Reizmagen, Morbus Sowieso, Hashi-Syndrom, Nebennierenunterfunktion, Pilzerkrankungen, Amalgam- und Schwermetallvergiftungen, Schilddrüsendysfunktion und vieles mehr beschreiben. Ganz zu schweigen von esoterischen Webseiten, die den Betroffenen gänzlich verunsichern.
Meine Krankheitssurferei gipfelte darin, dass ich ohne es zu merken auf einer Veterinär-Seite landete, die das Krankheitsbild gewisser Maultierarten erklärte. Spätestens da wusste ich, dass ich mich besser in die Hände eines Arztes begeben sollte. Dieser konnte zwar mit meinen Unwirklichkeitsgefühlen nicht viel anfangen, ordnete aber eine saubere Abklärung ab. Erst als organisch tatsächlich nichts Auffälliges vorlag, konnte ich davon ausgehen, dass es sich um eine psychische Sache handelte. Ich kam –ja, im Internet- endlich auf die richtige Fährte:
Meine Unwirklichkeitsgefühle hatten einen Namen: Derealisation.

Ich fing an, alles über DR/DP zu lesen, was ich in die Finger bekam. Dabei fiel mir auf, wie wenig im deutschsprachigen Raum über DR/DP publiziert wird. Ausser Lukas Berit und Viktor Frankl fand sich wenig Ergiebiges. Der Mangel an Wissen und brauchbaren Informationen auf Deutsch spiegelt sich auch in deutschsprachigen Internetforen wider. Im Vergleich dazu scheinen Betroffene, die des Englischen mächtig sind, einen besseren Zugang zu Therapieformen, Medikamentenberichten und allgemeiner Information zu haben. In England (Depersonalisation Research Unit, Maudsley Hospital, London) und den USA (Mount Sinai Hospital, New York) sind seit Jahren Studien im Gange, deren Ergebnisse in Buchform heraus gegeben wurden. Unabhängige Autoren wie Shaun O Connor (dp manual), Dr. Ronnie Freedman und andere, haben selbst als Betroffene ihr Wissen und ihre Erfahrungen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Die Strategie, die ich mir zurecht legte, umfasste:
 - Aufklärung
- Entspannungsübungen
- Kognitive und verhaltenstherapeutische Massnahmen
- Lebenswandel und Ernährung
- Gesprächstherapie und Medikation
 Organische Ursachen?
Zunächst sind organische Ursachen auszuschliessen. Wenngleich die Wahrscheinlichkeit, dass DR/DP, zumal wenn sie lang anhält, auf körperliche Ursachen zurückzuführen ist, kleiner ist, als Betroffene fürchten, kann eine Abklärung nicht schaden. Im Gegenteil kann es etwas entlasten zu wissen, dass nichts Ernstes vorliegt. DR/DP ähnliche Zustände können in der Tat auch durch
Vitaminmangel (vor allem B12)
Schilddrüsenunterfunktion
Migräne
Tumoren (Achtung, keine Panik: Tumore äussern sich normalerweise noch ganz anders)
Viren
Vergiftungen oder falsche Ernährung
Genuss bestimmter Substanzen (Alkohol, Cannabis)
Einnahme gewisser Medikamente (Schlafmittel und Psychopharmaka)
hervorgerufen werden. Viktor Frankl etwa hat Menschen, die aufgrund einer Nebennierenrindeunterfunktion an DR/DP litten, mit Hormonspritzen erfolgreich behandelt.
DR/DP wird nur in ganz seltenen Fällen als eigenständige Störung angesehen. Sie ist fast immer Teil einer andern Problematik, etwa einer Angsterkrankung, einer Depression oder ganz einfach einer konfliktgeladenen Phase. Da diese primären Störungen auch körperliche Beschwerden erzeugen (Herzrasen, Schwitzen, Nervosität, Nackenschmerzen, Erschöpfung, Magen/Darmbeschwerden etc.), ist die organische Abklärung für den Betroffenen ein erster Schritt, seine Beschwerden richtig einzuordnen. Liegt also keine Organstörung vor, gilt es, sich mit der DR/DP selbst auseinander zu setzen.

Die Scheibe stellt sich vor

hiermit eröffne ich diesen Blog.

www.derealisation.ch